Bulimia nervosa
Die
Bulimia nervosa tritt zu ca. 95% bei Frauen auf. Das Ersterkrankungsalter liegt
meistens zwischen 20 und 30 Jahren. Die Bulimia nervosa betrifft wahrscheinlich
2-4% der Frauen dieser Alternsgruppe, wahrscheinlich deshalb, weil
Bulimikerinnen ihre Krankheit häufig geheim halten und man eine hohe
Dunkelziffer annehmen muss. Die Bulimia nervosa tritt eher in
Mittelstandsfamilien auf und verstärkt in Ballungsräumen großer Städte. 2. Symptome der
Bulimia nervosa
Kennzeichnend für die Bulimia
nervosa sind Heißhungeranfälle mit anschließenden gewichtsregulierenden Maßnahmen
wie Erbrechen, Diäten, Missbrauch von Laxanzien, Appetitzüglern und Diuretika.
Obwohl das Gewicht meist im Normbereich liegt, sind die Betroffenen mit ihrer
Figur unzufrieden und haben Angst vor Gewichtszunahme. Die Bulimia nervosa ist
der Versuch der Aufrechterhaltung der emotionalen Balance angesichts einer
Vielzahl von Widersprüchen und Überforderungen, für die keine bedürfnisgerechten
Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen.
Die Essanfälle finden meist im
Verborgenen statt und laufen oft nach einem sich wiederholenden Ritual ab. Die
Nahrung wird kaum gekaut und auf das Geschmacksempfinden wird selten geachtet.
Typischerweise sind Nahrungsmittel leicht verfügbar, schnell zu essen,
kalorienreich und „eigentlich verboten“. Da ein Sättigungsgefühl nicht
wahrgenommen wird, werden die Anfälle erst durch Bauchschmerzen, Erschöpfung
oder äußere Umstände oder aus Mangel an Essbarem beendet. Bei diesen Anfällen
werden häufig 5000 kcal oder mehr verzehrt.
Eine krankhafte Besorgnis um die
Figur und das Körpergewicht beherrscht Denken, Fühlen und Handeln von Menschen
mit Bulimia nervosa. Es führt zu einer erheblichen und als leidvoll erlebten
Einschränkung der individuellen Freiheit. Erstrebenswert erscheint meist ein
Gewicht, das einige Kilogramm unter dem tatsächlichen liegt. Um die aus der
exzessiven Energieaufnahme resultierende Gewichtszunahme zu verhindern und damit
zugleich die Schuldgefühle und die Ängste wegen des „verbotenen Essens“ zu
neutralisieren, werden gegensteuernde Maßnahmen ergriffen. Im Vordergrund steht
das selbst induzierte Erbrechen.
Die Bulimia nervosa kann sich aus
einer anorektischen Symptomatik heraus entwickeln.
Bulimische Frauen leiden häufig
unter depressiven Verstimmungen bis hin zur Suizidalität, allgemein
pessimistischen Gedanken und einem geringen Selbstwertgefühl.
Menschen mit einer Bulimia nervosa
haben eine zwanghaft perfektionistische Grundhaltung mit einem
Alles-oder-Nichts-Denken. Jeder Verstoß gegen die rigiden internen Diätnormen
wird als schuldhaft erlebt. Dies führt zu einer weiteren Reduktion des
Selbstwertgefühls. Hierbei bringt das Erbrechen zwar eine kurzfristige
Erleichterung, es vertieft jedoch wegen seines als abartig bewerteten Charakters
mittelfristig den Selbsthass der Betroffenen, der sich unter Umständen
autoaggressiven Handlungen wie dem sich Schneiden mit Rasierklingen oder mit
anderen Gegenständen entladen kann. Es gibt Hinweise auf eine gehäufte
Komorbidität mit
Borderline-Persönlichkeitsstörungen.
Die Bulimia nervosa kann durch den
großen Nahrungsmittelverbrauch zu erheblichen finanziellen Problemen mit allen
daraus resultierenden sozialen Konsequenzen wie Verschuldung, sozialem Abstieg,
Anbetteln von Bekannten, Stehlen von Nahrungsmitteln oder Geld bis hin zum
Betrug führen.
An körperlichen Komplikationen
und möglichen Folgeschäden finden wir auf internistischem Gebiet bei Bulimia
nervosa folgendes:
Akute Magenerweiterung (Dilatation)
mit der Gefahr einer Ruptur, Elektrolytstörungen, Herz-Rhythmus-Störungen,
gastrointestinaler Reflux und Speiseröhrenentzündung, Dehydratation
(Entwässerung), Ödeme (Wasseransammlungen), Durchfälle, Trommelschlägelfinger,
Tachykardien (Herzrasen) und Schwitzen, Nierenschäden, Vitaminmangel, Müdigkeit
und Schwindel. Die Menstruation ist häufig unregelmäßig, es gibt
anovulatorische Zyklen, häufig auch eine Amenorrhoe (Nichteintreten oder Ausbleiben der Regelblutung).
Auf HNO-ärztlichem Gebiet finden
wir eine chronische Heiserkeit und Halsschmerzen sowie eine Schwellung der
Ohrspeicheldrüsen. Viele Bulimikerinnen haben auch Zahnschmelzerosionen und
Verletzungen des Handrückens durch das künstlich herbeigeführte Erbrechen.
3.
Ätiologie (Ursachen) der Bulimia nervosa:
Das auffällige Essverhalten
bildet oft nur die Spitze eines Eisbergs komplexer Problemzusammenhänge aus dem
persönlichen interaktiven und multikulturellen Bereich. Die folgende Auflistung
gibt Hinweise auf häufig anzutreffende Charakteristika, die wir bei
Bulimikerinnen finden:
Für die Entstehung und Auslösung
einer Bulimia nervosa spielen sowohl biologische und soziokulturelle Faktoren
als auch intrapsychische und familiäre Prozesse eine Rolle:
Die biologischen Risikofaktoren
sind weitgehend unklar. Immer wieder wird darauf verwiesen, dass es eine
Konkordanzrate (Übereinstimmung bestimmter Eigenschaften) für Bulimie bei
eineiigen Zwillingen gibt sowie ein erhöhtes Vorkommen depressiver Störungen
und Abhängigkeitserkrankungen in den Familien.
Als wesentliche
soziokulturelle
Risikofaktoren hat sich das gesellschaftliche Schlankheitsideal und eine veränderte
Rollenerwartung an Frauen erwiesen. In der Bulimia manifestiert sich für
unseren zeitcharakteristischen Umgang mit der Weiblichkeit. Einerseits können
Frauen sich von der traditionellen Mutterrolle distanzieren und beruflichen
Erfolg und Leistungsbereitschaft anstreben, andererseits werden ihnen aber nach
wie vor die weiblichen Tugenden der Warmherzigkeit, des Sorgens für Andere und
des Schönseins zugesprochen und abverlangt. Hinzu kommt, dass den Frauen nicht
nur ein einziges Schönheitsideal vorgehalten wird, sondern gleichzeitig
mehrere, die miteinander inkompatibel sind. So konkurriert heute ein extrem
schlankes Schönheitsideal mit einem athletischen, muskulösen Körper, dies ist
gleichzeitig nicht zu realisieren. Die Bulimie scheint ein Versuch zu sein,
einen Ausweg aus solchen widersprüchlichen Erwartungen zu finden.
Intrapsychische Risikofaktoren
sind vor allem ein Mangel an Selbstwertgefühl, eine große Selbstunsicherheit
und eine insgesamt gestörte Autonomie und Identitätsentwicklung. Bulimische
Frauen haben oft nicht gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zu kennen, zu
differenzieren und gegenüber anderen zu vertreten. Außerdem berichten sie über
starke Abhängigkeitsgefühle, die mit großen Verlust- und Trennungsängsten
einhergehen.
Die familiäre Situation
bulimischer Frauen ist häufig durch große Unsicherheit geprägt. Mindestens zu
einem Elternteil besteht in der Regel eine unsichere Bindung. Meist waren die Mütter
überfürsorglich, die Väter wenig präsent und emotional abweisend, was dazu führte,
dass die Lösung vom Elternhaus nur ungenügend gelang. Immer wieder wird auch
über sexuellen und emotionalen Missbrauch in den Familien berichtet. Das familiäre
Klima ist gekennzeichnet durch Kontrolle, Konfliktvermeidung und Überinvolviertheit.
Abgrenzungen sind kaum möglich. Widersprüchliche Botschaften kennzeichnen den
Umgang miteinander. Vor allem die Konfliktvermeidung trägt dazu bei, dass
bulimische Frauen kaum taugliche Strategien zur Konfliktlösung lernen.
Hat sich die Bulimia nervosa erst
einmal ausgebildet, so wird sie im Sinne eines psychosomatischen Teufelskreises
aufrechterhalten. Die Essanfälle verfestigen sich als Problemlösestrategien,
Stressbewältigungsstrategien werden immer weiter verlernt. 4. Therapieansatz und
langfristige Therapieziele bei Bulimia nervosa
Bei der Behandlung der Bulimia
nervosa in der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie der Wicker-Klinik Bad
Wildungen gehen wir grundsätzlich von der Annahme aus, dass es Störungen
wesentlich als Bewältigungsversuch von äußeren Belastungen und
innerseelischen Konflikten zu betrachten sind. Bei der Therapie von Essstörungen
sind daher die Störungen der Körperwahrnehmung, der Gefühlswahrnehmung und
des Gefühlsausdrucks und der Kognitionen zu berücksichtigen. Häufig ist die
Essstörung, wie beschrieben, ein Überlebensversuch nach sexueller
Traumatisierung und anderen Gewalterfahrungen und damit ein Versuch der
Selbstheilung. Diese psychischen Aspekte spielen in je unterschiedlicher Dynamik
bei Bulimie,
Anorexie und
Adipositas eine entscheidende Rolle. Aus diesem Therapieansatz ergeben sich für die Behandlung der Bulimia nervosa langfristig folgende Therapieziele: Ø
Einsicht
in die Psychodynamik des Symptoms Unmittelbare Therapieziele für den stationären Aufenthalt bei Bulimia nervosa
Ø
Verhaltenstherapeutische
Gruppe, vertieft im Einzelkontakt
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Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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