|
Anorexia nervosa
1. Epidemiologie
(Vorkommen) der
Anorexia nervosa
95 % aller an Anorexia nervosa
erkrankten Personen sind weiblich. Betroffen sind 0,2 bis 2 % aller Frauen. Die
Anorexia nervosa beginnt in typischer Weise um die Zeit der Pubertät, so im
Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Seltener sind Ersterkrankungen vor dem 10. oder
nach dem 25. Lebensjahr. Die Anorexia nervosa tritt meist in der höheren
Mittelschicht auf, sie ist in städtischen Gebieten genauso häufig wie in ländlichen
Gebieten. Eine Zunahme der Krankheitsfälle in den letzten Jahren ist nicht zu
verzeichnen, wohl aber eine Zunahme der Behandlungsfälle.
2.
Symptome der Anorexia nervosa
Zu Anfang dieses Jahrhunderts
wurde die Anorexia nervosa für eine Erkrankung der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse)
gehalten, später sah man in ihr eine unspezifische Variation mehrerer
psychiatrischer Erkrankungen. Aus heutiger Sicht handelt es sich um eine eigenständige
spezifische Krankheit mit eigenen klinischen Symptomen, die sie von anderen
Krankheitsbildern unterscheidet.
Die Leitsymptomatik der Anorexia
nervosa ist die selbst herbeigeführte Mangelernährung mit Gewichtsverlust bis
zur Kachexie (Kräfteverfall). Im Vordergrund steht die feste Überzeugung zu
dick zu sein und unbedingt abnehmen bzw. nicht zunehmen zu dürfen. Die meisten
Patientinnen erleben quälende Hungergefühle, leugnen diese aber. Da Hungern
und Nahrungsverweigerung nicht leicht ausgehalten werden können, kommt es bei
einem Teil der Betroffen zu Heißhungeranfällen. Für dieses Verhalten wurde
eine Zeitlang der Begriff Bulimarexie geprägt, der sich aber nicht durchgesetzt
hat. Man spricht heute von Anorexia nervosa mit bulimischen Zügen. Dem Ziel,
der an Anorexia nervosa erkrankten Menschen ein möglichst niedriges Gewicht zu
halten, dient, außer der extremen Nahrungsrestriktion, Erbrechen, Abführmittelabusus,
Appetitzügler, Einnahme von Schilddrüsenhormonen und Diabetika-Missbrauch wie
auch übertriebene sportliche Aktivität.
Psychopathologisch imponiert bei
der Anorexia nervosa extreme Angst vor einer Gewichtszunahme und eine daraus
resultierende Zentrierung auf das Körpergewicht, das in den Mittelpunkt des
gesamten Fühlens, Denkens und Handelns rückt.
Damit im Zusammenhang findet sich
eine hartnäckige Verkennung der eigenen übermäßigen Schlankheit oder
Kachexie in Form einer Körperschemastörung: Die eigene Körperform oder Teile
des Körpers werden als zu dick wahrgenommen und geradezu massiv überschätzt.
Bei Menschen mit einer Anorexia nervosa besteht meist wenig Krankheitseinsicht
in die anorektische Störung und die dadurch bedingten Gefahren werden
geleugnet.
Der auffälligste, klinisch
somatische Befund magersüchtiger Patientinnen ist ihr kachetischer Ernährungszustand.
Die meist bestehenden Elektrolytverschiebungen führen häufig zur Entwicklung
eines sekundären Hyperaldosteronismus, der wiederum kardiale Arrhythmien
(Herzarrhythmien) und hyperkaliämisch Darmlähmungen nach sich ziehen kann. Bei
frühem Krankheitsbeginn der Anorexia nervosa kann es zu verzögertem
Knochenwachstum und Kleinwuchs kommen. Die Betroffenen sind häufig hypotherm mit
einer Temperatur zwischen 35 und 36 Grad, d. h., wenn sie 38 Grad Celsius
aufweisen, muss man schon von hohem Fieber sprechen. Menschen mit einer Anorexia
nervosa haben häufig einen niedrigen Blutdruck, einen verlangsamten Herzschlag,
sind kälteempfindlich, haben Schlafstörungen, neigen zur Verstopfung, haben
auch nach kleineren Mahlzeiten ein Völlegefühl wegen einer verzögerten
Magen-Darm-Passage. Als Laborbefunde finden sich eine mikrozytäre, hypochrome
Anämie wiegen Eisenmangel, eine Armut an Leukozyten und Thrombozyten und
vermehrtes Auftreten von Lymphozyten.
3. Ätiologie
(Ursachen) der Anorexia nervosa
Von Anorexia nervosa sind häufig
Mädchen betroffen, die aus Familien mit einem hohen Harmonieideal stammen. In
diesen Familien werden Konflikte und Aggressionen auch häufig verleugnet. Oft
sind auch die Grenzen zwischen den Generationen verwischt, zum Beispiel in dem
Sinne, dass die Töchter als beste Freundin der Mutter funktionalisiert
werden.
Die besonders in der Pubertät mobilisierten Wünsche nach größerer Autonomie
können nicht offen und ohne Schuldgefühle gelebt werden. Die Anorexia nervosa
als Ausdruck der Essensverweigerung kann der unbewusste Versuch sein, sich von
der Mutter als Nahrungsgeberin zu lösen, größere Unabhängigkeit zu gewinnen,
indem auch auf Essen verzichtet werden kann.
Aber auch Gefühle wie zum Beispiel das Hungergefühl zu kontrollieren
vermittelt den magersüchtigen Menschen ein erhöhtes Maß an Selbststeuerungsfähigkeit.
Die Anorexia nervosa kann auch Ausdruck der Ablehnung der weiblichen Identität
sein, da das Mädchen in der Pubertät mit der Rolle noch überfordert ist oder
durch die Mutter kein attraktives Vorbild von Frausein vermittelt bekommen hat.
Bei vielen anorektischen Frauen finden wir auch in der Vorgeschichte sexuelle Übergriffe.
Die Anorexia nervosa gewinnt damit die Bedeutung einer Überlebenshilfe. Sie ist
zu einem Versuch geworden, dem Gefühl von Ohnmacht und Auslieferung entgegen zu
stehen, um wenigstens den Körper zu kontrollieren und eine Pseudoautonomie
herzustellen. Ferner hoffen manche der betroffenen Frauen, sich durch das
Hungern so unattraktiv wie nur möglich zu machen, um sich vor möglichen Tätern
schützen zu können.
4.
Therapieansatz und langfristige Therapieziele bei Anorexia nervosa
Bei der Behandlung der Anorexia
nervosa in der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie der Wicker-Klinik Bad
Wildungen gehen wir grundsätzlich von der Annahme aus, dass die Störungen
wesentlich als Bewältigungsversuch von äußeren Belastungen und
innerseelischen Konflikten zu betrachten sind. Bei der Therapie von
Essstörungen
sind daher die Störungen der Körperwahrnehmung, der Gefühlswahrnehmung und
des Gefühlsausdrucks und der Kognitionen zu berücksichtigen. Häufig ist die
Essstörung, wie beschrieben, ein Überlebensversuch nach sexueller
Traumatisierung und anderen Gewalterfahrungen und damit ein Versuch der
Selbstheilung. Diese psychischen Aspekte spielen in je unterschiedlicher Dynamik
bei Bulimie, Anorexia und
Adipositas eine entscheidende Rolle.
Aus diesem Therapieansatz ergeben
sich für die Behandlung der Anorexia nervosa langfristig
folgende Therapieziele:
Ø
Einsicht
in die Psychodynamik des Symptoms
Ø
Verständnis
und Akzeptanz des Symptoms als Selbstheilungsversuch
Ø
Bearbeiten
und Lösen der zugrunde liegenden Konflikte/Defizite/Traumata
(Autonomie/Abhängigkeit,
ich-strukturelle Störungen, Gewalterfahrungen)
Ø
Sensibilisierung
für die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Wünsche, Befähigung zu
deren
angemessener Umsetzung auch in nahen Beziehungen
Ø
Freier
Zugang zu bislang verschütteten Ressourcen
Ø
Positiv
besetztes Körperselbstbild und weibliche Identifikation
Unmittelbare
Therapieziele für den stationären Aufenthalt
bei Anorexia nervosa
Ø
Verhaltenstherapeutische
Gruppe, vertieft im Einzelkontakt
Ø
Vermittlung
von Informationen über die Bedingungszusammenhänge und körperlichen
Auswirkungen von Essstörungen (auch zur Motivation)
Ø
Exploration
und Förderung vorhandener und im Rahmen des stationären Aufenthaltes
zugänglichen
Ressourcen (Hobbys, kreative Fähigkeiten, soziale Kompetenzen, problemfreie
Lebensbereiche etc.)
Ø
Ermitteln
von auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen des gestörten
Essverhaltens
(Esstagebuch, Austausch in den Gruppen)
Ø
Parallel
dazu konkrete Verhaltensänderungen unter Einsatz der individuellen
Ressourcen
Ø
Kontrollierte, geplante Essanfälle
statt Kontrollverlust mit anschließender Selbstabwertung
(Ausstieg aus dem Teufelskreis)
Ø
Stabilisierung
des Gewichts, langsames Zunehmen (ca. 300 g/Woche), wenn möglich BMI
(Body-Mass-Index)
18, regelmäßiges Essverhalten
Ø
Abbau
der „Schwarzen Liste“ unerlaubter Nahrungsmittel um ca. 3 Punkte
Gruppentherapie
bei Anorexia nervosa,
intensiviert in Einzelkontakten
-
Exploration
aktueller Konflikte (vor dem Hintergrund der biographischen Anamnese),
Klassifikation ambivalenter Emotionen, Einüben sozialer und
kommunikativer
Kompetenzen
-
Exploration aktueller Konflikte (vor dem Hintergrund der biographischen
Anamnese), Klassifikation ambivalenter Emotionen, Einüben sozialer und
kommunikativer
Kompetenzen
-
Kennenlernen
und Ausprobieren alternativer Verhaltensweisen zur Lösung von emotionaler
Spannung
-
Kognitive
Neubewertung zuvor zentraler Werte (evtl. Selbstlosigkeit, rigides,
unrealistisches Schönheitsideal)
Bewegungstherapie
bei Anorexia nervosa
-
Schulung
der Körperwahrnehmung, vor allem Körpergrenzen
-
Überprüfen
des gestörten Körperschemas
-
Ausloten
des persönlichen Nahraumes
-
Bewusstes
Regulieren von Nähe und Distanz
-
Achtsamer,
selbstfürsorglicher Umgang mit dem Körper
-
Erfahrung
von Bewegungsfreude
-
Erweitern
des Körper- und Bewegungsausdruckes
Im
Klinikalltag
Ernährungsberatung
bei Anorexia nervosa
-
Vermitteln
gesunder Ernährungsrichtlinien bezüglich Qualität, Quantität der Nahrung
-
Regelmäßiges
Essen kontrollierter Mengen, da wo das Gefühl für Hunger und Sattsein noch
verloren ist, sonst Vermitteln des Anti-Diät-Konzeptes
-
Kenntnis der Setpoint-Theorie
Vorbereitung
auf die Zeit nach dem stationären Aufenthalt
-
Motivation
zur ambulanten Psychotherapie
-
Teilnahme
an einer Gruppe für essgestörte Frauen
-
Kenntnis
des Rückfall-/Vorfall-Konzeptes
-
Signalfunktion
der Symptomatik
-
Fokus
auf eigene Ressourcen richten:
-
Neues
Hobby
-
Pflege
des unterstützenden sozialen Netzwerkes etc.
5.
Behandlungsmethoden
der Anorexia nervosa
In
der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie der Wicker-Klinik bieten wir zur
Behandlung der Anorexia nervosa folgende Methoden an:
1. 2x wöchentlich
1 Stunde Verhaltenstherapie (d.h. Einsatz kognitiver Methoden, Rollenspiel,
Spielübungen)
Hier werden schwerpunktmäßig drei
Themenbereiche bearbeitet:
a) Information und Erklärung über gesundes
Essen und Essstörungen (psycho-edukativer Teil
b) Analyse des eigenen Essverhaltens und Förderung
alternativer Verhaltensweisen,
Überprüfung
der eigenen Einstellung
c) Arbeit am eigenen Körperbildschema
2. 2x wöchentlich
1,5 Stunden psychotherapeutische Bewegungs-/Körpertherapie
-
Arbeit
an der Wahrnehmung des Körpers (Warnsignale, Überforderung, achtsamer
Umgang)
-
Positiv
libidinöse Besetzung bzw. Wiederbesetzung des Körpers
-
Erarbeitung
eines realistischen Körperselbstbildes
3.
Einzeltherapie
Geschützter Rahmen für
4.
Therapeutisches Kochen
5. Ernährungsberatung
auf Basis eines Antidiätkonzeptes
6.
Informationsveranstaltungen über medizinische Aspekte von Essen, Essstörungen
sowie
Diäten
7.
Medizinische Betreuung
Mindestens 1x wöchentlich Besprechungen der
oberen und unteren Gewichtsgrenze,
Laborwerte besprechen
8.
Pflegerische Betreuung
Stützende, strukturierende Kontakte zum
Pflegepersonal
9. Regelmäßige
gemeinsame Gespräche zwischen der behandelnden Ärztin, der
Psychotherapeutin, der
Bewegungstherapeutin und den Pflegekräften
6. Nachsorge für Patientinnen mit Anorexia nervosa
Um
die Kontinuität der Therapie zu erreichen, sind wir im Rahmen der Nachsorge bemüht,
ambulante Therapiemöglichkeiten, sofern notwendig, mit einzuleiten. Wir bieten
Informationen über Anlaufmöglichkeiten an, die die Patientinnen und Patienten
nach der Entlassung für sich nutzen können.
Für
Patientinnen und Patienten, die über die Rentenversicherung zum stationären
Heilverfahren kommen, gibt es die Möglichkeiten der intensivierten
Rehabilitationsnachsorge (IRENA). Dies ist ein Nachsorgeprogramm, welches der
Rentenversicherungsträger in der Nähe des Heimatortes anbietet, um die
Therapieziele, die während des stationären Aufenthaltes erarbeitet wurden, im
Rahmen der Nachsorge weiter zu festigen.
Wir
vertreten in der Klinik im Bereich der Psychosomatik/Psychotherapie einen
ganzheitlichen Therapieansatz, der die Balance von Körper, Seele und sozialer
Situation jedes Einzelnen berücksichtigt.
Wenn
Sie noch weitere Fragen haben, schicken Sie uns eine E-Mail oder rufen Sie uns
einfach an, wir freuen uns auf Sie.
Mit
den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Ihre Dr.
med. Gabriele Fröhlich-Gildhoff
Chefärztin der Abteilung Psychosomatik/Psychotherapie
Fachärztin für psychotherapeutische Medizin, Psychotherapie

Zur Klärung
weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht
Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte
vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
Sagen Sie uns ruhig mal Ihre
Meinung!
Oder stellen Sie Ihre Fragen...
und klicken Sie sich rein:

Sie
möchten diesen Artikel ausdrucken? Markieren Sie den gewünschten Text,
gehen Sie in der Symbolleiste auf "Datei", dann auf
"Drucken", danach "Markierung" anklicken und dann
erst drucken, denn sonst verlieren Sie durch die nachfolgende Themenübersicht
unnötiges Papier.
Aktualisiert: Juli 2010
Weitere
Informationen zu Krankheiten finden Sie bei der
Wicker-Gruppe unter
www.informationen-zu-krankheiten.de.
Info-Material zur Klinik anfordern:
www.wicker-gruppe.de/infomaterial-anfordern.html
Weitere
Fragen? Ihre Meinung?
Schicken Sie uns eine e-mail
info@wicker-klinik.de
Telefon: 0 56 21 / 792 237
Fax : 0 56 21 / 792 690
Wicker-Klinik
Werner Wicker KG
Fürst-Friedrich-Straße 2-4 · 34537 Bad
Wildungen
Telefon: 0 56 21 / 7 92 - 0 · Telefax: 0 56 21 / 7 92 - 6 95
·
Impressum
·
Anfahrt
Gebührenfreies Service-Telefon 0800 - 738 48 20
Haftungshinweis: Für die gemachten Angaben wird keine Gewähr übernommen; im
Einzelfall ist immer ein Arzt zu konsultieren! Trotz sorgfältiger inhaltlicher
Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den
Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.
|